INTERVIEW mit Bonnie Tyler
Magerer Lohn für eine Milliarde Streams
Am 8. Juli 2026 verstarb die Sängerin Bonnie Tyler. Noch im März hatte sie mir für das folgende Interview Rede und Antwort gestanden. Sie war voller Energie und Vorfreude auf ihre anstehenden Konzerte. Wir haben auch über einige ihrer Karrierehöhepunkte gesprochen. Wegen der äußeren Umstände ist das Interview bis jetzt unveröffentlicht geblieben. Es einfach so unter den Tisch fallen zu lassen, fände ich aber sehr schade. Deswegen stelle ich es hier ungekürzt zum Nachlesen auf meine Blog-Seite.
Frage:Ihr
Erfolg kam nicht über Nacht. Wie verlief Ihr Einstieg ins
Musikgeschäft?
Bonnie Tyler: Meine ersten öffentlichen Auftritte als Sängerin hatte ich als Jugendliche vor unserer Kirchengemeinde. Mit 17 habe ich an einem Talentwettbewerb teilgenommen und mich anschließend bei einer Gesangsgruppe beworben. Die haben mich auch genommen. Dort konnte ich viel lernen, weil wir mit mehrstimmigen Harmonien gearbeitet haben. Das kannte ich bis dahin noch nicht. Später hatte ich eine eigene Band mit den üblichen Club-Gigs. Auch das war ein gutes Training. Irgendwann wurden wir als feste Haus-Band engagiert und mussten die einzelnen Abende musikalisch unterschiedlich gestalten. Das ging querbeet von Blues und Rock über Folk und Motown-Soul bis hin zu traditionellen Tanzveranstaltungen mit Bossa Nova, Quickstep, Walzer und so weiter.
Frage: Wer hat Sie entdeckt?
Tyler: Ein Talent-Scout, der wie ich aus Wales kam, hat mich nach London eingeladen. Der stellte mich Ronnie Scott, Steve Wolfe und David Mackay vor. Mit David arbeite ich heute noch zusammen. Die drei haben meine erste Hit-Single „Lost in France“ produziert. Die ist ja vor allem in Deutschland besonders erfolgreich gewesen.
Frage: Längst nicht alle schaffen diesen Durchbruch. Warum ist es Ihnen gelungen?
Tyler: Ich denke, das hat eine Menge mit Glück und Schicksal zu tun, wobei es natürlich auch harte Arbeit war. Trotzdem ist das Singen für mich immer mehr als nur ein Job gewesen. Ich mache das nicht nur einfach so. Ich mache es, weil es mir Spaß bringt. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und eine fantastische Band hinter mir zu haben. Mit meiner aktuellen Band bin ich jetzt auch schon seit über 35 Jahren unterwegs.
Frage: Sie mussten sich kurz nach Ihrem ersten Hit einer Stimmband-Operation unterziehen. Hatten Sie nicht Angst, Ihre Karriere als Sängerin könnte danach vorbei sein?
Tyler: Ich hatte schon früher diese Knötchen in den Stimmbändern. Die sind durch Ruhepausen wieder verschwunden. Dieses Mal waren sie allerdings so hartnäckig, dass mir gar nichts anderes übrig blieb als sie operativ entfernen zu lassen. Klar war ich ein bisschen besorgt. Aber ich glaube, meine Mutter hat sich wesentlich größere Sorgen gemacht als ich. Und letztlich habe ich dieser Operation meine rauchige Stimme zu verdanken, die zu meinem Markenzeichen geworden ist und die mir damals mit „It's a Heartache“ gleich den nächsten Hit beschert hat.
Frage: Mit einem noch größeren internationalen Erfolg als „Lost in France“. Hand aufs Herz: Hatten Sie damit gerechnet?
Tyler:Nein natürlich nicht. So etwas kann niemand wirklich ahnen. Ich kann es bis heute kaum fassen, dass ich inzwischen 74 Jahre alt bin und nach wie vor darum gebeten werde, diesen Song zu singen. Es ist für mich immer wieder ein phantastisches Erlebnis, wenn die Leute in meine Shows kommen, um eine gute Zeit zu haben und meine Hits mitzusingen.
Frage: Warum haben Sie in den 1980er Jahren die Plattenfirma gewechselt?
Tyler: Meine alte Plattenfirma hätte mich gern für weitere fünf Jahre unter Vertrag genommen. Allerdings war mir das Repertoire zu sehr auf Country ausgerichtet. Damit bin ich nicht wirklich glücklich gewesen. Ich wollte mich mehr in Richtung Rock weiterentwickeln. Damit waren wiederum die Verantwortlichen der Plattenfirma nicht einverstanden, so dass wir am Ende getrennte Wegen gehen mussten.
Frage: Wie kam die Zusammenarbeit mit Jim Steinman zustande?
Tyler: Das war ursprünglich meine Idee. Ich stand total auf diesen majestätischen Sound von Meat Loaf. Als ich das Album „Bat Out of Hell“ hörte, sagte ich zu meinem Management: „Das ist die Art von Songs, die ich auch singen möchte.“ Die neue Plattenfirma war anfangs nicht sonderlich angetan. Die meinten nur: „Bonnie, darauf wird sich Jim Steinman nie einlassen.“ Ich bin aber stur geblieben. „Warum denn nicht?“, habe ich denen geantwortet. „Fragt ihn doch bitte erst einmal. Dann können wir immer noch sehen, was er dazu sagt.“
Frage: Und Jim Steinman hat „Ja“ gesagt!
Tyler: Der kannte „It's a Heartache“. Das war ja auch in den USA ein Riesenhit. Den mochte er und deswegen gefiel ihm die Idee, mich zu treffen. Ich bin also mit meinem Manager rüber nach New York. Wir haben uns in Jim Steinmans Suite mit einem absolut traumhaften Ausblick auf den Central Park getroffen und uns gegenseitig Songs vorgespielt. Was seine Entscheidung mit mir zusammenzuarbeiten maßgeblich beeinflusst hat, war die Tatsache, dass wir beide begeistert von der Idee waren, „Have You Ever Seen the Rain“ von John Fogerty neu aufzunehmen. Mit diesem Song werde ich übrigens auch meine aktuellen Live-Shows eröffnen. Jim Steinman hat dazu ein spektakuläres Arrangement gemacht, und wir hatten eine Reihe exzellenter Musiker unter anderem von Bruce Springsteens E-Street-Band. Das Album hat damals nicht umsonst sowohl in den USA als auch in Großbritannien mehrere Woche lang den ersten Platz in den Charts belegt.
Frage: Wie hat die Plattenfirma reagiert?
Tyler: Die waren wohl erst ein bisschen schockiert, dass sich Jim Steinman tatsächlich auf mich eingelassen hat. Am Ende hat es sich ausgezahlt, dass ich hartnäckig geblieben bin. Meine Mutter hat mich dazu erzogen, an mich selber zu glauben. Wenn du etwas tun möchtest, musst du dranbleiben und versuchen, es in die Tat umzusetzen. Wir alle sind in irgendetwas gut. Jeder muss nur für sich herausfinden, was es ist.
Frage: Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie zum erste Mal „Total Eclipse of the Heart“ gehört haben?
Tyler: Da lief mir ein Schauer über den ganzen Körper. Jim Steinman drückt dir nicht einfach so ein schnödes Demo-Band in die Hand. Der hat mir das komplette Lied auf seinem Flügel vorgespielt. Rory Dodd, der auf der Aufnahme den Part „Turn Around, Bright Eyes“ singt, kam auch dazu. Weil es kein Demo-Band gab, mussten wir den Song von Grund auf lernen und haben ihn uns so Stück für Stück erarbeitet.
Frage: Kürzlich hat dieser Song eine Auszeichnung bekommen, nachdem er mehr als eine Milliarde Mal gestreamt worden ist. Was bleibt da unter dem Strich für Sie finanziell übrig?
Tyler: Als Sängerin verdienst du nicht wirklich viel, zumal ich den Song nicht geschrieben habe. Das mögen vielleicht ein paar Tausend Pfund im Jahr sein. In den 1970er und 1980er Jahren war für alle Beteiligten noch vergleichsweise mehr drin. Damals haben wir bis zu 50 000 Platten pro Tag verkauft und tatsächlich ein kleines Vermögen verdient. Das war eben die richtige Zeit, um Platten zu verkaufen. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Trotzdem bin ich stolz darauf und finde es auch irgendwie cool, dass der Song von so vielen jungen Leuten auf TikTok und Spotify gestreamt wird.
Frage: In den 1990er Jahren waren Sie weiterhin erfolgreich, unter anderem mit Dieter Bohlen als Produzent und Songschreiber.
Tyler: Das war für mich schon ein Stilwechsel weg vom Rock und mehr hin zu einem etwas poppigeren Sound. Aber so etwas war damals angesagt. Deswegen hat es wiederum gut in die Zeit gepasst. Die Single und das Album „Bitterblue“ sind vor allem in Deutschland hervorragend gelaufen. Natürlich habe ich mitbekommen, dass Dieter Bohlen nicht unumstritten ist. Trotzdem sollte man den Mann nicht unterschätzen oder diskreditieren. Der weiß ganz genau, was er tut. Und spätestens auf dem Weg zu seiner Bank lacht er sich sowieso ins Fäustchen.
Frage: Was ist mit neuem Song-Material?
Tyler: Ich bin gerade dabei, einen neuen Song herauszubringen. Der heißt „Only Love“ und ist von Patrick Schmiederer. Das ist ein junger Produzent, der in Österreich ein Studio hat. Mein alter Produzent David Mackay, der mich bereits bei „Lost in France“ und „It's a Heartache“ begleitet hat, ist auch wieder beteiligt. Der ist mittlerweile über 80 Jahre alt, aber nach wie vor voll auf der Höhe der Zeit, weil er immer schon gern mit jüngeren Leuten zusammengearbeitet hat, um trendmäßig auf dem Laufenden zu bleiben. Und das möchte ich letztlich auch, wobei mein Herz nach wie vor in erster Linie für die Rockmusik schlägt.
Foto: Anka Gardzinska
